Manifest zur Bildungskonzeption für die Republik Österreich

happy-girl-with-down-syndrome-posing-while-drawing

Text: Prof. (em.) Dr. Feuser Georg

„Integration:Österreich, ungehindert behindert“ (I:Ö) sieht sich der Schaffung eines institutionalisierten Erziehungs-, Bildungs- und Unterrichtssystems verpflichtet, das über alle seine Gliederungen hinweg und alle Lebensalter des Menschen umfassend, den heute in den Humanwissenschaften vorliegenden Erkenntnissen über das Lernen und die menschliche Persönlichkeitsentwicklung entspricht und den Grundsätzen internationaler Vereinbarungen und Konventionen über die Rechte und die Würde des Menschen Rechnung trägt.

1. Die Rechtslage

Am 26. Oktober 2008 ist das »Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen « der Vereinten Nationen (BRK genannt) in Österreich in Kraft getreten. 

Damit besteht eine verpflichtende Grundlage über alle Lebensalter und Lebensbereiche hinweg, dass Menschen mit Behinderungen als Rechtssubjekte anzuerkennen sind und gleichberechtigt mit allen anderen Rechts- und Handlungsfähigkeit genießen (§12).

Auch das Erziehungs-, Bildungs- und Unterrichtssystem steht in der Pflicht, auf allen Ebenen ein inklusives Bildungssystem zu verwirklichen (§24). Vor allem das gegenwärtige Schulsystem steht dieser Rechtslage durch seine hierarchische und im Kern ständische Gliederung entgegen. Dies dadurch, das vor allem jene Personen, ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener, aus regulären Bildungsprozessen ausgegrenzt werden, die als schwerst-mehrfach, komplex oder intensiv behindert bezeichnet werden und im Hitler-Faschismus Opfer der Euthanasie-Programme geworden sind. Auch Menschen mit so genannten „herausfordernden Verhaltensweisen” und solche, die durch Armut und prekären sozialen Verhältnissen in ihrem Lernen beeinträchtigt wurden, teilen die Erfahrung der Exklusion aus dem Regelschulwesen.

Beide Gruppen werden durch ihre Lebensverhältnisse oft schwer traumatisiert, was die eigentliche Problematik ausmacht, die es zu lösen gilt. Der Verweis in Sonderinstitutionen löst diese Problematik nicht, wie ihre schon Jahrhunderte andauernde Ge-schichte zeigt, sondern
konserviert sie weit eher.

2. Die politische Durchsetzung

2.1 Wir Eltern stehen uneingeschränkt auf der mit der mit der BRK international geschaffenen und in Österreich verbindlichen Rechtslage. Wir lassen nicht mehr zu, das unseren Kindern der Zugang zum regulären Erziehungs-, Bildungs- und Unterrichtssystem verwehrt wird
oder sie aus diesem ausgeschlossen und in Sonderinstitutionen verwiesen werden.

  • Wir sehen alle Lehr- und Fachpersonen in der Pflicht, die UN-BRK im Schulsystem umzusetzen
  • Wir fordern, dass deren Aus-, Fort- und Weiterbildung unverzüglich auf dieser Basis in Gang gesetzt wird.
  • Es kann nicht angehen, dass die Unterrichtung unserer Kinder in inklusiv arbeitenden Schulen oder Klassen vom guten Willen und dem Engagement einzelner Lehrkräfte abhängig ist.
  • Wir erheben den Anspruch, dass das gesamte Schulsystem der UN-BRK und anderen Kinder- und Menschenrechten verpflichtet ist.

Über die inzwischen über 40 Jahre gemachten Erfahrungen mit der Inklusion hinaus, bestätigen internationale Studien und Gutachten, dass ein inklusives Schulsystem für alle Kinder und Schüler das angemessene Schulsystem ist, um ihren Lernpotenzen gerecht werden zu können.

Wir sind der Auffassung, dass dort, wo weiterhin ausgegrenzt wird, es sich um Menschenrechtsverletzungen handelt, die unmittelbar zu beenden sind.

2.2 Die grundlegende Transformation des selektierenden, exkludierenden und in Sondersysteme inkludierenden Erziehungs-, Bildungs- und Unterrichtssystem ist in erster Linie eine unserer demokratischen Verfassung geschuldete politische Aufgabe. Dies jenseits aller parteipolitischen und konfessionellen Bindungen.

  • Wir Eltern sehen in diesen Prozessen eine längst überfällige Demokratisierung und Humanisierung des gesamten institutionalisierten Bildungssystems. Alle in der Bildungspolitik Verantwortung tragende Personen und Institutionen sind diesen Prozessen verpflichtet.
  • I:Ö wird sich im Rahmen einer Bildungsinitiative (gefasst in einer Bildungskonzeption) entschieden dafür einsetzen, dass eine entsprechende Aufklärung der Gesellschaft erfolgt und eine Bündelung der Kräfte der Zivilgesellschaft zustande kommt, um den Forderungen nach Inklusion über alle Lebensaltersstufen hinweg zur Durchsetzung zu verhelfen.

3. Die pädagogische Umsetzung

Die Möglichkeit einer pädagogischen Umsetzung ist heute, nach Jahrzehnten der Integrations- und Inklusionspraxis hinreichend erwiesen. Es geht um die Weiterentwicklung dieser Erfahrungen. Allem voran ist es die didaktische Qualität des Unterrichts, die für das Gelingen der Inklusion entscheidend ist. Im Sinne »einer Schule für alle« könnten benannt werden:

  • Die Unterrichtsarbeit in Projekten,
  • die Arbeit in jahrgangsübergreifenden Lerngemeinschaften und
  • die gelingende Zusammenarbeit aller Lehr- und Fachpersonen in Formen des Co- und Team-Teaching.

Für die Bewältigung des gemeinsamen Lernens von Kindern ohne und mit Beeinträchtigungen, seien diese genereller Art oder solche der Sinnesfunktionen oder der Motorik, ist eine entsprechende Teambildung von Lehr- und Fachpersonen und der Einsatz persönlicher oder
advokatorischer Assistenzen für bestimmte Kinder oder Schülerinnen und Schüler ausschlaggebend. Ebenso eine Differenzierung des Unterrichts mit Bezug auf die individuellen Lernmöglichkeiten und Entwicklungspotentiale aller Kinder und Schüler.

  • Die immer wieder vorgebrachten Argumente, dass im inklusiven Unterricht leicht und schnell lernende Schüler in ihren Lern- und Entwicklungspotentialen behindert würden, kann entschieden zurück gewiesen werden. In einer heterogenen Lerngemeinschaft ist
    das Gegenteil der Fall.
  • Auch macht Inklusion, wie oft argumentiert wird, nicht alle gleich. Sie ermöglicht vielmehr durch die entsprechenden didaktischen, methodischen und unterrichtsorganisatorischen Maßnahmen allen Kindern und SchülerInnen die Ausschöpfung ihrer individuellen
    Lern- und Entwicklungspotenzen. Diese werden gerade durch das in Schulformen und Schulstufen gegliederte homogene System und seine rigiden Bemessungsund Bewertungsgrundlagen der Schülerleistungen nivelliert und eingegrenzt.

Entgegen vielen Vorurteilen setzt Inklusion im Feld des Erziehungs-, Bildungs- und Unterrichtssystems auf Vielfalt, ohne die Einheit sozialer Beziehungen zu zerstören. Das ermöglicht allen Kindern und SchülerInnen differenzierte und dadurch angemessene und optimierte Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten zu entfalten, derer unsere hoch gegliederte Gesellschaft in allen ihren Funktionsbereichen in Wirtschaft und Kultur bedarf.

Facebook
Twitter
LinkedIn
Pinterest
Skip to content